Museen öffnen durch künstlerische Intervention: „17 Bruchstücke, Seltene Erden“, Netzwerk Naturwissen am Museum für Naturkunde Berlin
Jahrestagung 2026: Museen öffnen! Vielfalt als Chance
Das Netzwerk Naturwissen am Museum für Naturkunde Berlin arbeitet an der Schnittstelle von naturwissenschaftlicher Forschung, künstlerischer Praxis und gesellschaftlichem Diskurs. Im Zentrum steht die Frage, wie ein naturkundliches Museum als offener Resonanzraum wirksam werden kann – als ein Ort, an dem unterschiedliche Wissensformen, Perspektiven und Erfahrungen nicht hierarchisiert, sondern in Beziehung gesetzt werden.
Die künstlerische Intervention „17 Bruchstücke, Seltene Erden“ der Künstlerin Philine Rinnert, die im Mai 2026 als einwöchige temporäre Grabungsstätte auf dem Gelände des Museums für Naturkunde Berlin realisiert wird, dient dafür als Fallbeispiel. Ausgangspunkt sind die 17 sogenannten Seltenen Erden – Rohstoffe, die für die Digitalisierung und globale Energiewende unverzichtbar sind und zugleich tiefgreifende ökologische, gesundheitliche und geopolitische Konflikte sichtbar machen. Ihr Abbau bleibt für die meisten Nutzer:innen unsichtbar, ausgelagert in andere Regionen der Welt, eingebettet in globale Machtverhältnisse.
Die Intervention nähert sich dieser Unsichtbarkeit nicht über einseitige Erklärung oder Beweisführung, sondern über fragmentierte, sinnliche und partizipative Zugänge. In einem vielschichtigen Raum aus Klang, Licht, Material, Geruch, Fotografien, Modellen und performativen Elementen entstehen 17 Bruchstücke als unterschiedliche Annäherungen an ein hochkomplexes Themenfeld. Chemische Bezeichnungen werden zu Klang, Materie wird hörbar, das Nicht-Sichtbare erhält eine akustische Präsenz. Besucher:innen bewegen sich durch eine tektonische Landschaft, in der Wissen nicht abgeschlossen präsentiert, sondern als fragil, situiert und umkämpft erfahrbar wird.
Zugleich ist die Intervention als transdisziplinärer Prozess angelegt, in dem Expertisen aus Geologie, Journalismus, Museumsarbeit, Kunst sowie aus Politik(beratung) und Wirtschaft zusammengeführt. Unterschiedliche professionelle Perspektiven treffen hier auf die Erfahrungen der Besucher:innen und werden in einen gemeinsamen Denk- und Arbeitsraum überführt. Vielfalt manifestiert sich damit nicht nur in den Inhalten, sondern in der konkreten Zusammenarbeit und Aushandlung zwischen Akteur:innen mit unterschiedlichen Wissenshintergründen, Interessen und Verantwortlichkeiten.
Im Zentrum steht eine kritische Auseinandersetzung mit Sichtbarkeit und Repräsentation ausgehend von drei unterschiedlichen Orte: dem: „Baotou Rare Earth Museum“ in China – einem Ort, der offiziell die Geschichte der globalen Seltene-Erden-Industrie erzählt, dessen tatsächliche Existenz jedoch kaum nachprüfbar ist. Von der zentrale Lager- und Forschungsstätte für Bohrkerne sowie Gesteinsproben des Sächsischen Landesamts für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG) und der TU Bergakademie Freiberg sowie schließlich dem Museum für Naturkunde Berlin, zu dessen Sammlung auch Seltene Erden gehören. Im Spannungsfeld zwischen Auffindbarkeit, staatlicher Selbstinszenierung und Auslassung wird deutlich, wie museale Sichtbarkeit zugleich Erkenntnis ermöglicht und verdeckt.
Die Intervention überträgt diese Fragen bewusst in den Kontext eines europäischen Naturkundemuseums. Der Beitrag diskutiert, wie künstlerische Interventionen naturwissenschaftliche Museen für Ambivalenz, Vielstimmigkeit und Nichtwissen öffnen können. Vielfalt wird dabei nicht nur thematisiert, sondern als Methode praktiziert: im Zusammenspiel unterschiedlicher Akteur:innen, Wissensformen und sinnlicher Zugänge.
„17 Bruchstücke, Seltene Erden“ versteht das Museum nicht als Ort fertiger Antworten, sondern als Ort gemeinsamer Aushandlung – und macht damit sichtbar, welches Potenzial naturkundliche Museen für gesellschaftlichen Zusammenhalt und kritischen Diskurs haben.
Weitere Informationen finden Sie hier: https://www.museumsbund.de/aktuelles/jahrestagung/